Bevor wir nach Abu Dhabi geflogen sind, haben wir uns eine Frage gestellt, auf die wir keine sichere Antwort kannten. Stört es Muslime, wenn Christen mitten in ihrer Stadt Weihnachten feiern? Fühlt es sich für sie falsch an, wenn in Hotellobbys Tannenbäume stehen und Weihnachtslieder gespielt werden?
Die kurze Antwort: Nein. Und die längere Antwort ist viel interessanter als die kurze.
Im Islam gilt Jesus als Prophet. Arabisch heißt er Isa. Er ist eine der bedeutendsten Figuren im Koran. Die Jungfrauengeburt wird dort ausdrücklich erwähnt. Das unterscheidet den Islam grundlegend von anderen Religionen, wenn es um den Umgang mit Weihnachten geht. Theologische Ablehnung wäre also eigentlich widersprüchlich, und tatsächlich begegnet man ihr in Abu Dhabi kaum.
Viele Emiratis, mit denen wir während unserer Reise gesprochen haben, wussten sehr genau, was Weihnachten bedeutet. Einige kannten den Unterschied zwischen dem religiösen Kern des Festes und dem kommerziellen Drumherum, das in westlichen Ländern längst den Ton angibt. Ein älterer Händler im Souk, der uns beim Aussuchen von Kardamom half, sagte es auf Englisch so: Ihr feiert die Geburt von Isa. Das respektieren wir. Mehr war dazu für ihn nicht zu sagen.
Was in Abu Dhabi fehlt, ist der öffentliche Weihnachtslärm. Es gibt keine Weihnachtsmärkte im deutschen Sinne, keine Glühweinbuden auf Plätzen, kein kollektives Singen vor Kirchen. Weihnachten passiert in Abu Dhabi leise. In Hotelrestaurants, in Expat-Wohnungen, in den Gemeinden der christlichen Gastarbeiter. Es gibt anglikanische und katholische Kirchen in der Stadt, sie sind gut besucht an Heiligabend, und wer hineingeht, erlebt Gottesdienste, die emotional mindestens so intensiv sind wie zuhause.
Das Interessante ist, dass dieser leise Umgang mit dem Fest gar nicht nach Unterdrückung klingt, wenn man erst einmal vor Ort ist. Es klingt einfach nach einer anderen Kulturauffassung davon, was privat ist und was öffentlich gehört. Religiosität ist in Abu Dhabi Privatsache. Das gilt für den Islam genauso wie für das Christentum.
Ein junger Emirati, den wir in einem Café trafen, hatte auf Netflix Weihnachtsfilme gesehen und fand die Tradition der Geschenke sympathisch. Was er nicht verstand: der Alkohol, der in westlichen Ländern mit dem Fest so selbstverständlich verbunden ist. Warum braucht ihr das, fragte er. Kein Vorwurf. Echte Neugier.
Das war für uns einer der wertvollsten Momente der Reise. Nicht weil wir eine Antwort hatten, sondern weil wir merkten, dass diese Gespräche in beide Richtungen funktionieren. Wir lernten etwas über den Islam. Und sie lernten etwas über uns. Weihnachten als Gesprächsöffner zwischen zwei Kulturen. Das hätten wir vorher nicht erwartet.
