Das Leben hinter der Kulisse – Alltag, Viertel und was Touristen nie sehen

Touristen sehen Abu Dhabi von der Sonnenseite. Saubere Straßen, imposante Gebäude, freundliches Personal in jedem Hotel. Wir wollten wissen, was dahinter steckt, und haben deshalb Zeit in Vierteln verbracht, die im Reiseführer nicht vorkommen.

Das Mina-Viertel am alten Hafen ist so ein Ort. Hier leben viele der Gastarbeiter, die Abu Dhabi am Laufen halten. Reinigungspersonal, Bauarbeiter, Köche, Lieferfahrer. Die Restaurants hier servieren indisches und bangladeschisches Essen für umgerechnet zwei Euro. Keine Klimaanlage, keine englische Speisekarte, keine Touristen. Der Kontrast zur Glamourwelt der Corniche ist enorm und er tut weh, wenn man ihn zum ersten Mal wirklich sieht.

Was man als Tourist in Abu Dhabi nie erfährt: Der Alltag funktioniert mit einer sehr klaren sozialen Hierarchie. Emiratis stehen oben. Westliche Expats kommen auf einer privilegierten zweiten Stufe. Asiatische Gastarbeiter auf einer dritten. Das ist keine böse Absicht eines einzelnen, es ist ein System, das historisch gewachsen ist und von dem alle Beteiligten wissen. Offen reden tut darüber kaum jemand.

Die ungeschriebenen Regeln, die man kennen sollte: Zuneigung in der Öffentlichkeit zwischen Paaren ist für Ehepaare offiziell erlaubt, aber Händchenhalten ist die Grenze dessen, was sozial akzeptiert wird. Lautes Verhalten in religiösen Stätten kann echte Konsequenzen haben. Fotos von Einheimischen, besonders von Frauen, ohne Erlaubnis zu machen ist ein ernstes No-Go. Nicht nur unhöflich. Wirklich problematisch.

Was uns aufgefallen ist bei langen Spaziergängen durch Wohnviertel: Abu Dhabi ist extrem autogerecht gebaut. Fußwege enden plötzlich. Übergänge fehlen. Wer zu Fuß unterwegs ist, fühlt sich manchmal wie ein Fremdkörper. Das Auto ist Lebensrealität, und wer keines hat oder keines mieten will, schränkt sich erheblich ein.

Aber es gibt auch das andere Abu Dhabi. Parks, in denen Familien am Freitagabend picknicken. Corniche-Abschnitte, auf denen Kinder Fahrrad fahren, während die Großeltern auf Bänken sitzen. Kleine Moscheen in Wohnvierteln, aus denen fünfmal täglich der Ruf zum Gebet klingt und die Straße dabei für einen Moment innehält.

Das ist das Abu Dhabi, das man mitnimmt, wenn man aufgehört hat, nur die Sehenswürdigkeiten abzuhaken. Eine Stadt voller Widersprüche, die sich damit abgefunden hat, voller Widersprüche zu sein.